Immer
mehr Menschen ertrinken in Deutschland. Mindestens 408 Todesopfer waren es bis Ende August 2008, 48 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Dabei hatte der eher durchwachsene Sommer 2008 mit einem idealen Badesommer wenig zu tun.
Warum schnellen aber die Zahlen trotzdem in die
Höhe? Warum wissen wir heute so wenig über den Zusammenhang zwischen Unfällen und Schwimmfähigkeiten und zwischen Ertrinken und Bewachung? Blausand.de nennt Ihnen die zehn
Hauptgründe für den Ertrinkungstod in Deutschland.
Das sind die Hauptgründe für den Ertrinkungstod. In bestimmten
Lebenssituationen wie Freizeit und Urlaub werden bekannte Risiken
nach dem Muster “Es betrifft immer die Anderen” allzuoft
ausgeblendet. Hinzu kommt, dass in einem Pauschalurlaub die Wochen
der Erholung durch eine Art Versorgungsmentalität, durch
“mitgebuchte Sicherheit” bestimmt werden, während
Individualurlauber sich nicht durch Restriktionen wie Warnflaggen und
Badeverbote in ihrer Urlaubsruhe “stören” lassen wollen.
Speziellen Risiken sind Kinder (Unterbrechung der permanenten
Beobachtung durch Eltern, auch in flachen Gewässen) und ältere
Menschen (wegen fehlender Schwimmfähigkeiten und körperlicher
Vorschädigungen) ausgesetzt. Ein Grund für das Ertrinken ist auch das fehlende Bewusstsein im Umgang mit dem eigenen Körper, Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen und die fehlende Kondition bei diesen Gruppen, hervorgerufen durch Fast Food und Fettleibigkeit.
Hinzu kommt, dass Informationen zu
Wassergefahren und über das richtige Verhalten in Schwimm- und
Notsituationen von den beteiligten Organisationen (Kommunen,
Dienstleister an Badestellen, Reiseveranstalter) oft nicht oder nur
unzureichend vermittelt werden.
2. Unbewachte
und ungesicherte GewässerViele Wasserstellen in
Deutschland, in denen ein erhöhtes Ertrinkungsrisiko
“mitschwimmt” und die deshalb entweder wirksam gesperrt oder
zumindest bewacht sein müssten, werden von den Verantwortlichen
vernachlässigt. Mit lebensgefährlichen Folgen. Die Gründe:
Mangel an Geldmitteln, manchmal Verantwortungslosigkeit und gelegentlich auch Ignoranz. Es ist
klar, dass nicht alle Wasserstellen in Deutschland bewacht sein
können. Andererseits: in Seen und Flüssen sterben fast 80
Prozent aller Opfer. Wenn also bundesweit wenigstens die gut
besuchten, gefährlichen und unfallreichen Gewässer
ermittelt und bewacht
werden würden, würden die Ertrinkungszahlen deutlich nach
unten gehen.
3. Ertrinkungsgründe
nicht bekannt, fehlende AnalysenJedes Jahr werden von der
DLRG die Ertrinkungszahlen mitgeteilt. Wir erfahren die
voraussichtliche Zahl der Opfer aus dem Vorjahr, die Verteilung auf
die Bundesländer und die Altersstruktur. Und dass Leichtsinn,
Hitze und fehlende Aufsicht der Eltern die Ursachen seien. Die
Veröffentlichungen werden aber dem Ziel, die Zahl der Opfer zu
reduzieren, nicht gerecht. Sie schaffen auch kein ausreichendes
Bewussstsein für die Risiken und damit auch keine
Verhaltensveränderungen. Was für die Unfallprävention
wichtig wäre: Eine Analyse der Unfallgründe für alle
Badeunfalle mit Todesfolge. Die DLRG weiß nicht, ob der
Unfallort bewacht war und hat keine Informationen zu den
Schwimmfähigkeiten der Ertrinkungsopfer. Auch gibt es - für
den Strassenverkehr eine Selbstverständlichkeit - keine
Risikobewertung einzelner Badestellen.
Ohne präventive Maßnahmen wie
detaillierte Unfall- und Risikoanalysen der Unfallstellen in
Deutschland und ohne Dokumentationen der Ereignisketten bei Ertrinkungsunfällen sind wesentliche Verbesserungen der
Badesicherheit in Deutschland auch in Zukunft nicht zu erwarten.
4. Zu
wenig ehrenamtliche Retter
Die Bereitschaft, sich als Wasserretter ausbilden und für
den Rettungsdienst einsetzen zu lassen, lässt von Jahr zu Jahr
spürbar nach, weil es attraktivere Freizeitbeschäftigungen
und Betätigungsbereiche gibt und weil schulischer und
beruflicher Druck kein Engagement mehr zulassen. Allein im wasserreichen Brandenburg wurden im letzten Jahr 10.000 Rettungsschwimmer benötigt - alle 3 Wasserrettungsorganisationen verfügten aber nur über 1700 Freiwillige. "Chronischer Engpass auf den Rettungstürmen" schreibt die Presse. Die Folge: Selbst wenn Kommunen finanzielle Mittel
für die Bewachung bereitstellen würden, könnten die
Wasserretter das ausgebildete Personal oftmals nicht stellen. Die
deutschen Wasserrettungsorganisationen scheuen sich bisher, über
Lösung dieses Dilemmas (etwa ein System mit bezahlten und
ehrenamtlichen Wasserrettern) laut nachzudenken. Der Grund: Sie
befürchten, dass die Motivation der Freiwilligen durch andere
Konstellationen noch weiter sinken würde. So bleibt alles so wie
immer und das Engagement sinkt von Jahr zu Jahr - zu Lasten der
Badesicherheit.
5. Ertrinkungsunfälle werden zu selten thematisiert
Ertrinkungsunfälle im
Freizeitbereich werden von Medien und Öffentlichkeit immer
weniger beachtet. Das hängt damit zusammen, dass bei einem
tödlichem Ertrinkungsunfall oft “nur” ein Mensch ums Leben kommt.
Grund ist auch die zunehmende Gleichgültigkeit von Menschen, besonders dann, wenn es sie nicht betrifft und wenig spektakulär ist. Das
wiederum hat zur Folge, dass ein Bewusstsein für Risiken im
Wasser immer seltener erzeugt wird, allenfalls dann, wenn Unfälle mit Todesfolgen passieren oder ein großes Aufgebot an Rettungsdiensten im Einsatz ist.
6. Wenig
aussagekräftige Zahlen
Es gibt in Deutschland zwei
Quellen für Ertrinkungsstatistiken. Die Zahlen stammen sowohl vom
Statistischen Bundesamt (destatis) als auch von der DLRG. Da die beiden
Statistiken methodisch völlig unterschiedlich sind,
weichen sie deutlich voneinander ab. Basis bei destatis sind Leichenschauscheine, bei denen die (oft ursächlichen) Gründe für den Unfalltod
durch Einfluss des Wassers nicht immer berücksichtigt werden. Bei destatis gilt auch die "Wohnsitz-Zuordnung". Soll heissen: Ein etwa auf Mallorca
gemeldeter ertrunkener Deutscher wird in den Zahlen nicht erfasst. Die DLRG verwendet als Informationsquelle neben eigenen Recherchen verschiedene
Medienberichte (also Informationen aus zweiter Hand).
Insgesamt eignen sich die veröffentlichten Unfallzahlen also nur
bedingt für eine glaubwürdige Argumentation zur Veränderung
von Rahmenbedingungen für mehr Badesicherheit.
7. Verwirrende
Flaggen
Signale müssen, wenn sie etwas bewirken sollen,
eindeutig und auf den ersten Blick leicht verständlich
sein. Diese Kriterien treffen auf die (übrigens erst
kürzlich überarbeiteten) Warn- und Verbotssignale nicht zu.
Sie sind einfach zu schwer zu verstehen. Wenn sie denn überhaupt
vorhanden sind. Blausand.de hat Tests mit Urlaubern durchgeführt.
Nur wenige Badegäste konnten die Bedeutung der Flaggen korrekt
wiedergeben. Eine gelbe Flagge steht für “Baden und Schwimmen
gefährlich”. Eine rote Flagge für “Baden und Schwimmen
verboten”. Eine grüne Flagge gibt es an deutschen Badestellen
nicht mehr. Soweit macht alles Sinn.
Die Irritation beginnt,
wenn Strandbewachung signalisiert wird. Dann, wenn es also durch die
Bewachung sicherer wird, hat man sich ausgerechnet für eine
gelb/rote Flagge entschieden. Also ausgerechnet für eine
Farbkombination, die für Gefahr und Verbot (etwa wie bei den
“gelernten” Ampelfarben) steht. Die gelb/rote Beflaggung wird
auch für die Begrenzung der Badezonen verwendet. Nun ist
die Verwirrung komplett und die Flaggen tragen leider zur Verunsicherung
bei.
8. Zu
späte Rettung
Durch
fehlende Bewachung von Wasserstellen werden kritische Situationen,
die zu lebensbedrohlichen Badeunfällen führen, zu spät
erkannt. Bis zum Auffinden des Verunglückten und bis zur Ersten
Hilfe durch Laien oder Profis vergeht oft zu viel Zeit. Anstatt nach
Erkennen des Notfalls die Rettungskette durch sofortige Alarmierung
zu aktivieren, wird von Strandbesuchern oft erst mal das Wasser
abgesucht und der Ernst der Gefährdung nicht erkannt. Ertrinken
ist ein extrem zeitkritischer Prozess. Für das Überleben
der Verunglückten sind die ersten Minuten von entscheidender
Bedeutung. Bei einem Herzstillstand ist ein Defibrillator, der für Laienhelfer und leider auch an bewachten Badeseen nur selten zur Verfügung steht, im Rahmen des Zeitfensters oft die einzige Möglichkeit, Leben zu retten. Wenn der
Notarztwagen mit Defi eintrifft, ist es allzuoft schon zu spät.
9. Schwimmfähigkeiten und Ausbildung
Der
Zusammenhang zwischen Schwimmfähigkeiten und Ertrinkungsrisiken ist mit Sicherheit vorhanden. Ob allerdings die Zahl der Ertrinkungsopfer in Deutschland signifikant fallen würde, wenn mehr Menschen schwimmen könnten, ist bisher wegen
fehlender Unfallanalysen nicht eindeutig nachgewiesen worden. Sicher
ist es keine Frage, dass das Ertrinkungsrisiko minimiert wird, wenn
ein Mensch, der schwimmen kann, ins Wasser fällt. Insofern begünstigen Eltern auch die Gefahr, wenn sie nicht dafür sorgen, ihre Kinder zum Schwimmunterricht zu bringen. Gute Schwimmer
fühlen sich im Wasser auch sicherer und geraten nicht so
schnell in Paniksituationen. Auch das trägt zur Badesicherheit
bei.
Andererseits: Schwimmer setzen sich Gefahren eher
aus als Nichtschwimmer und können dadurch erst in riskante
Situationen geraten. Schwimmer sind wahrscheinlich auch
leichtsinniger als Nichtschwimmer und überschätzen ihre
Fähigkeiten öfter. Fazit: Ohne Unfallanalysen, die
Blausand.de seit langem fordert, sind seriöse Aussagen über
das erhöhte Nichtschwimmerrisiko nicht möglich. Auch die Frage, inwieweit Menschen durch das Fehlen von Lehrschwimmbecken in ihrer Schwimmausbildung gehindert werden und deshalb eher ertrinken, ist bisher nicht hinreichend unter Beweis gestellt worden.
10. Fehlende
“elektronische Beobachter”
Seit Jahren gibt es technisch
ausgereifte Anlagen mit Unterwasserkameras für Schwimmbäder,
die Alarm mit Lokalisierung auslösen, wenn ein Körper
bewegungslos im Wasser treibt. Diese lebensrettende Technik wird
trotz millionenschwerer Investitionen für die
Freizeiteinrichtungen bisher nur in wenigen Fällen eingesetzt.
Auch dann nicht, wenn in einem Schwimmbad bereits tödliche
Unfälle passiert sind. Sicherheitstechnisch ist jeder PKW heute
besser ausgerüstet als ein öffentliches Schwimmbad ohne
elektronische Beobachtung. Ein Anachronismus und trotz Badeaufsicht
die Ursache für etliche Ertrinkungsopfer in den letzten Jahren.
Und eine Groteske zum Schluss: Es sind Beobachtungsanlagen, die Leben retten sollen, schon wieder abgebaut worden. Die Gründe: der Persönlichkeitsschutz.