"World Water Safety 2007"
ImageIn der portugiesischen Hafenstadt Porto trafen sich am letzten Wochenende 300 Wissenschaftler, Wasserretter und Funktionäre aus 53 Ländern zur World Water Safety Conference and Exibition.

Die letztmalig 2002 in Amsterdam stattgefundene Veranstaltung ist der weltweit wichtigste Kongress für Sicherheit im Wasser.

Welche neuen Informationen und Erkenntnisse es in Portugal gegeben hat, darüber berichtet Rolf Lüke in diesem aktuellen Report.

Nearly 400.000 drowned victims worldwide each year
Fast 400.000 Menschen ertrinken weltweit jedes Jahr


ImageDie nackten von der International Life Saving Federation veröffentlichten Zahlen, nachzulesen im "World Drowning Report 2007", sind der reine Horror.

382.312 Menschen, zählte die "World Health Organisation" WHO, ertranken weltweit im Jahr 2002. In Europa kommt die Weltgesundheitsorganisation auf 37.987 Ertrinkungstote. Weit über neunzig Prozent aller Opfer sterben in einkommensschwachen Ländern. Zwei von drei Opfern weltweit sind Männer und eigentlich sind die Zahlen noch viel höher. Flutkatastrophen, Transportunfälle und Suizide wurden gar nicht mitgezählt.


Counting victims does not safe lifes"
Ertrinkungsstatistiken retten kein Leben


ImageDie Zahlen sind gleichermassen gigantisch und jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Und, so stellt der Australier Peter Agnew vom rettungstechnisch hoch gelobten fünften Kontinent klar, "counting victims does not safe lifes", und weil die Zahlen nichts verändern, bemühen sich die Teilnehmer, in den drei Kongresstagen mit zum Teil parallel stattfindenden nahezu einhundert Referaten und Power Point-Präsentationen, mehr Licht in das Dunkel der Entstehungsgründe für den hundertausendfachen Tod im Wasser herauszufinden.

Und die sind von krassen Unterschieden geprägt. Während in den "low and middle income countries" lebensbedrohliche Wassergefahren zum täglichen Leben gehören - Menschen ertrinken auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit, vor der Haustür und in Flutkatastrophen - erlauben sich die Menschen in Industrienationen der Welt einen vergleichsweise exclusiven Freizeitspass im Urlaub und in der Freizeit: das Schwimmen.

Ein Risikobewußtsein erscheint unter den "Überlebensbedingungen" in den armen Ländern unserer Welt nur als eine Vision und vielleicht als eine kleine Hoffnung.

ImageBei Kindern wird das weltweite Fiasko des Ertrinkens besonders deutlich. Ertrinken ist (nach Verkehrsunfällen) die zweithäufigste Todesursache in den Ländern der Europäischen Union und passiert (was die Rettungsmöglichkeiten geringer werden lässt) oft zu schnell und zu leise. Die Tragödien stehen im krassen Gegensatz zum erklärten Recht jedes einzelnen Kindes auf eine sichere, gesunde und verletzungsfreie Kindheit.

ImageTrauriger Höhepunkt ist die Situation in Asien. Zu 98 Prozent ertrinken Menschen während ihres alltäglichen Lebens. Michael Linnan spricht es für die Alliance for safe children" (TASC) aus: Ertrinken tötet mehr Kinder in Asien als Tuberkulose, als SARS, HIV, Denguefieber und als Malaria. Für das Ertrinken verwendet Linnan den Begriff "Epidemie". Keiner der Experten widerspricht.

In Bangladesh, das Land mit 140 Millionen meist ums tägliche Überleben kämpfenden Einwohnern, sterben in jedem Jahr 17.000 Kinder. Jedes vierte von ihnen ertrinkt. Hier ist Ertrinken die Todesursache Nummer 1.

Aber die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt, und das Schlüsselwort ist Image"Schwimmen lernen und Schwimmen können." Das gilt übrigens auch für die Tsunami-Katastrophe, bei der wesentlich weniger der Kinder uns Leben gekommen sind, die schwimmen konnten. Deshalb heisst die hoffnungsvolle Kampagne für die Kids in Bangladesh und in anderen Ländern im wahrsten Sinn des Wortes auch "Swim For Life".


Break the grip of the rip !
Raus aus dem Griff der Rip-Strömung !

ImageErtrinkungsorte sind in der Welt höchst unterschiedlich. In USA stirbt jedes fünfte Opfer in einem Pool, in Deutschland nahezu 4 von 5 Menschen in Seen oder Flüssen. In Asien ertrinken die Menschen, weil die kaum bewußten Wassergefahren überall lauern. An Europas Badestränden sind Rip-Strömungen die Hauptgefahren. Erstaunlich ist, dass die Killer im Meer in Europa so selten thematisiert werden, während die USA - besonders in Florida - erfreulich offensiv mit diesem Risiko umgehen. Die Organisationen USLA und NOAA sind mit dem "National Weather Service" in Porto vertreten und berichten über sinnvolle Kooperation und von der jährlich im Juni stattfindenden "Rip Current Awareness Week" (Woche für mehr Bewußtsein zu Rip-Strömungen) mit umfassenden Dokumentationen über das Entstehen, die Wirkungsweisen und vor allem über den Schutz gegen die lebensgefährlichen Wasserbewegungen.


Death by drowning is quick and silent
Ertrinken passiert schnell und leise

ImageDas Gastland Portugal bietet eine vorbildliche Präsenz von Material und Wasserrettern an den Küsten. Blausand.de konnte dies bei einem Sicherheitscheck an der Algarve-Küste im letzten Jahr recherchieren.

An Portugals Badestränden ertrinken nach Blausand-Recherchen jährlich 20 bis 25 Personen, im Inland allerdings über 100 Menschen. 30 von ihnen sind Kinder.

Und deshalb ist die Associacäo para a Promocäo da Securanca Infantil (APSI), die sich als Non Profit-Organisation um Aktionen gegen das Ertrinken von Kindern in Portugal kümmert, mit einer bemerkenswerten und höchst wirksamen "Teddy-Kampagne" in Erscheinung getreten, an der sich viele Länder ein gutes Beispiel nehmen könnten.


"Prevention, prevention, prevention"
Prävention, Prävention, Prävention"


ImageBesonders bei übervollen Stränden, die besonders risikoreich sind und die Wasserretter oft völlig überfordert, gib es nach David Szpillmann, Brasilien, drei wichtige Maßnahmen, dieser Situation zu begegnen: Prävention, Prävention und vor allem Prävention. Dies gilt umso mehr, als es in Brasilien 8000 km Küste mit 7000 Ertrinkungstoten im Jahr gibt. 600 von ihnen werden nie mehr gefunden. 1,2 Millionen Rettungseinsätze gibt es jährlich. Seit 1995 gibt es die "Brasil Lifesaving Society" SOBRASA.  In 8 Jahren, von 1995 bis zum Jahr 2003, hat Brasilien es geschafft, die Zahl der Opfer um 30 Prozent zu reduzieren.

Prevention, Rescue and Treatment
Verhinderung, Rettung und Behandlung

Ertrinken: Die Komplexität des Themas spiegelte sich in vielen der angebotenen Präsentationen. Ausbildungsstandards für Wasserretter, Wiederbelebung, Flaggenfarben und Signale, Defibrillatoren, Risikofaktoren für Menschen, Risikogruppen, Strandbewertungen, Ertrinkungszahlen, Wellen, Windeinflüsse, morphologische Faktoren und Rettungswege, medizinische Versorgung. Wer an den Vorträgen teilgenommen hat, ist auf dem letzten Stand der Dinge zur weltweiten Wasserrettung.

Actions to reduce the number ob drownings
Aktionen zur Reduzierung der Ertrinkungszahlen

ImageDurch nahezu alle weltweiten Präsentationen zieht sich das Bedürfnis nach mehr Transparanz  und Austausch von Informationen und Erfahrungen mit dem einzigen Ziel, die Zahl der Ertrinkungsopfer - sowohl der Toten als auch der Verletzten - zu reduzieren. Daniel Hartmann aus Israel stellt den "Onshore Storminess Faktor", einen wissenschaftlichen Prozess zur Gefahreneinschätzung unter bestimmten Wetterbedingungen vor. Frank Pia, der sich bereits vor Jahren einen Namen mit seinen Untersuchungen zum Thema "silent drowning" (stilles Ertrinken) gemacht hat,  referiert über den Zusammenhang zwischen  wissenschaftlichen Erkenntnissen, Lebensrettung und Ertrinken. Selbst der kleine asiatische Stadtstaat Singapore (4 Millionen Einwohner, 36 Ertrinkungstote im Jahr 2003) ist vertreten und berichtet über ungewöhnliche Aktionen für mehr Gefahrenbewußtsein.

Insgesamt verdichtet sich der Eindruck, dass sowohl die USA als auch Australien bisher die Nase vorn haben, wenn es um Prävention, Ursachenforschung,  Risikobewußtsein im eigenen Land und last not least um notfallmedizinische Maßnahmen am Ort des Geschehens geht.

Mediterranean countries are impressing by their absence
Mittelmeerländer glänzen durch Abwesenheit


Unter den dreihundert Experten, von denen viele rund um die halbe Welt aus Neuseeland, Australien, Singapore, Brasilien und Hawaii nach Portugal geflogen sind, konnten nur wenige Teilnehmer aus Ländern vor der portugiesischen Haustür ausgemacht werden. Das allein ist schon nicht verständlich.

ImageSchlimmer ist, dass es im bereits zitierten "World Drowning Report 2007" und auch in Präsentationen und Dokumenten keine seriösen aktuellen Daten aus mehreren Ländern der Europäischen Union über Ertrunkene mit Todes- oder Verletzungsfolgen gibt, die allgemein zugänglich sind.

Wir sprechen über Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland und über die Türkei. Dass auch die Wasserretter dieser Länder die Zahlen nicht kennen (oder für sich behalten) und es sich bei den Ländern um populäre europäische Urlaubsländer handelt, deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen aus Angst vor Irritationen bei den Touristen mit den Informationen bewusst hinterm Berg halten. Zumal Frankreich, Spanien, Italien, Türkei und Griechenland in die täglichen europäischen Tragödien besonders stark involviert sind.

"Aber", meint zumindest ein optimistischer ehemaliger Wasserretter aus New York, "das kommt. Wenn diese Länder sehen, dass die anderen veröffentlichen, müssen sie auch mitziehen."

Delegation der WasserwachtDeutschland war mit etlichen Wasserrettern sowohl der DLRG als auch der Wasserwacht (Deutsches Rotes Kreuz) vertreten.

In diesem Zusammenhang muss die Informationspolitik der DLRG, die seit dem Jahr 2000 eine eigene jährliche Ertrinkungsstatistik veröffentlicht und sich damit nicht mit dem späten Erscheinen der Zahlen vom Statistischen Bundesamt zufrieden gibt, positiv erwähnt werden. Selbst wenn die Daten mit wichtigen Erkenntnissen wie Schwimmfähigkeiten bei Ertrinkungsunfällen und Bewachungssituation angereichert werden müssten. Die Zahlen aus Deutschland basieren auf Zeitungsausschnitten, Internetinformationen und Berichten der DLRG-Wasserretter.
 
Und noch ein Fazit: Neben der insgesamt runden Organisation des Kongresses und den freundlichen Gastgebern in einer der spannendsten Hafenstädte Europas hätte man sich eine Beteiligung der Rolf L?ke (Blausand.de), Frank Pia (American Red Cross)europäischen Politik (etwa der Europäischen Union), der Tourismuswirtschaft und auch der weltweit operierenden Blue Flag-Organisation gewünscht, die sich für die Zukunft auch sichere Strände auf die blauen Fahnen geschrieben hat.

Zu wünschen wäre auch mehr journalistische Beteiligung für ein weltweit bedeutsames Thema, dass das Leben und Überleben von fast vierhunderttausend Menschen betrifft.

Nach meinen Beobachtungen war ich der Einzige, der mit einer ID-Card mit dem Aufdruck "Press" ausgestattet wurde. Einige Themen wie Freiwilligkeit von Wasserrettern und bezahlte Retter in den Ländern und deren organisatorische Strukturen sowie die Entwicklung von privaten und kommerziellen Rettungsorganisationen wären von grossem Interesse gewesen.

Aber das kann ja auf der Agenda der nächsten weltweiten Veranstaltung stehen, die in vier Jahren stattfinden soll.

© Rolf Lüke, Blausand.de 2007
Links zum Thema:
Blausand.de: Presseerklärung zur World Water Safety (Deutsch)
Blausand.de: Press Release for World Water Safety (English)
Weltgesundheitsorganisation WHO über das weltweite Ertrinken
Rip-Strömungen: Die Killer im Meer (Blausand.de-Dokumentation)
Blausand.de-Interview mit Frank Pia, New York, über "Silent drowning"
Strandbericht Portugal (Blausand.de, 2006)
Reiseführer "Portugal" (Michael Müller Verlag)

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